Reittherapie: Auf dem Rücken der Pferde neues Urvertrauen tanken

Wie Delfine und Hunde eignen sich auch Pferde hervorragend als Therapietiere. Dank ihrer Fähigkeit, Rücksicht auf Schwächere zu nehmen und ihrer hohen Sensibilität werden sie immer öfter für verschiedene Therapiezwecke eingesetzt – sei es, geistig behinderten Kindern zu einem inneren Gleichgewicht zu verhelfen, die Sozialkompetenz von Jugendlichen zu stärken, Verkrampfungen körperlicher und seelischer Art bei Erwachsenen zu lösen oder für neues Urvertrauen zu sorgen. Allerdings ist das Berufsbild des Reittherapeuten in Deutschland noch nicht klar definiert; ebenso ist der Begriff „Reittherapeut“ nicht geschützt. So unterscheiden sich die Formen und Ausprägungen der Reittherapie von Stall zu Stall und es ist ratsam, sich bei Interesse zunächst ein umfassendes Bild von Therapeuten, Pferden und Stallumgebung zu verschaffen.

Ausbildung in Wochenendseminaren

Eine der bekanntesten deutschen Ausbildungsstätten für die Weiterbildung zum Reittherapeuten ist der Förderkreis für Therapeutisches Reiten e.V. Zweieinhalb Jahre lang dauert hier die Gesamtausbildung und orientiert sich an den Regelungen und Prüfungsordnungen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Wie viele Zusatzausbildungen werden auch die Lerneinheiten im Therapeutischen Reiten zu Wochenend-Blockseminaren gebündelt. Wer mit dem Gedanken spielt, sich zum Reittherapeuten ausbilden zu lassen, sollte bereits über breite Erfahrung mit Pferden und dem Reitsport verfügen. Die Weiterbildung empfiehlt sich insbesondere für geprüfte Reitlehrer und/oder routinierte Reiter, die ihren eigenen Stall führen und therapiegeeignete Pferde besitzen oder ausbilden.
Denn das wichtigste Werkzeug des Reittherapeuten ist das Pferd – und Pferde sind als naturscheue Fluchttiere nicht zu 100 Prozent berechenbar. Deshalb spielt die Auswahl des richtigen Pferdes für eine erfolgreiche Therapie eine entscheidende Rolle. Bei guten Therapiepferden handelt es sich meistens um ältere, erfahrene Tiere, die wenig schreckhaft sind und sich auch durch einen zappeligen, ängstlichen und nervösen Menschen auf ihrem Rücken nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sie sind das Arbeiten mit Kindern gewöhnt und haben oft besonders angenehme und beruhigende Gänge. Auch im Umgang am Boden müssen Therapiepferde geduldig und folgsam sein – denn in den seltensten Fällen beginnt die Therapie auf dem Rücken der Pferde. Nicht minder wichtig ist eine sichere Umgebung: eine von störenden Einflüssen abgeschottete Reithalle.

Therapie richtet sich nach den Bedürfnissen der Patienten

Wie eine reittherapeutische Einheit konkret aussieht, hängt von dem individuellen Angebotsprofil des jeweiligen Therapiestalls ab. In der Regel tragen die Pferde keinen Sattel und keine Trense, sondern werden vom Therapeuten an die Longe genommen und können von den Patienten erst einmal behutsam „ertastet“ werden: Pferd und Mensch kommen sich näher und lernen sich in einer gelassenen, unbefangenen Atmosphäre ohne Leistdungsdruck und Erwartungen kennen – natürlich immer unter den Augen und Anleitungen des Reittherapeuten.
Für spastisch gelähmte oder autistische Kinder gibt es spezielle Sicherheitssättel, die größtmöglichen Schutz bieten und es ihnen ermöglichen, durch die wiegenden Bewegungen des Pferderückens Vertrauen zu fassen und Spannungen abzubauen. Wie beim Spiel mit Delfinen zeigen gerade autistische Kinder während der Reittherapie spontane Freude und gewinnen direkteren Kontakt zu ihrer Umwelt. Die dicke, unsichtbare Wand, die sie von ihren Mitmenschen schmerzhaft trennt, wird spürbar dünner – dafür sorgen die beruhigende Wärme des weichen Pferdefells, die sanfte Rücksicht des Tieres und das fast hypnotische Wiegen der Pferdetritte auf dem Reithallensand.
Handelt es sich bei den Therapieteilnehmern um Menschen mit Depressionen, seelischer Anspannung und akutem Stress, stehen zunächst spielerische Übungen im Vordergrund, die ein hohes Maß an Konzentration verlangen und das Selbstbewusstsein stärken – zum Beispiel kleine Turnübungen am Voltigiergurt oder verschiedene Formen der Bodenarbeit. Für Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein und massiven Unsicherheitsgefühlen kann es eine bahnbrechende Erfahrung sein, zu erkennen, dass sie in der Lage sind, das große, 500 Kilogramm schwere Pferd mit minimalen Bewegungen und reiner Körperspannung zum Folgen zu bewegen. Diese Erkenntnisse werden auch bei Reit-Seminaren mit Führungskräften eingesetzt, die hier in der Arbeit mit Pferden lernen, Charisma zu entwickeln und verantwortungsvoller mit ihren Kollegen umzugehen. Denn Pferde brauchen eine konsequente, aber sensible Hand.

Jugendliche üben sich in Verantwortung

In der Reittherapie mit schwierigen Jugendlichen wird fast immer das gesamte Stallumfeld einbezogen: Die Teenager beteiligen sich an der Stallarbeit, pflegen und putzen die Pferde, versorgen sie mit Futter und schulen somit automatisch ihre Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Sie erfahren zudem, dass sie mit Gewalt oder ruppigem Verhalten beim Umgang mit dem Pferd, vor allem aber auf dem Pferderücken, nicht an ihr Ziel kommen. Unverzichtbar ist auch bei dieser „Sozialarbeit auf Pferden“ der ständige Kontakt mit dem Reittherapeuten, der im Idealfall über eine sozialpädagogische Ausbildung verfügt und auch außerhalb der Reitstunden intensiv mit den Jugendlichen kommuniziert.
Bei all diesen Formen der Reittherapie stehen also die persönliche Weiterbildung oder das persönliche Wohlgefühl, manchmal auch eine simple, aber wertvolle Linderung von Schmerzen und Verkrampfungen, im Vordergrund – nicht aber reittechnische Fortschritte oder gar die zukünftige Teilnahme an Turnieren. Leistungsdruck und blinder Ehrgeiz haben in einer Reittherapie nichts verloren.
Bettina Belitz

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